Schweizer Wachstumskurven für Kinder in der Schweiz – dringend nötig

Bei den sogenannten Perzentilenkurven sind drei Kurven besonders interessant: die 50. Perzentile, also das Durchschnittswachstum, die 97. Perzentile, also die obere Grenze des Normbereiches und ganz speziell die dritte Perzentile, die untere Grenze des Normbereiches.

Weil es viele Störungen gibt, die das Wachstum bremsen können, findet man um die dritte Perzentile herum besonders viele Kinder mit behandlungsbedürftigen Störungen.

Es ist auch so, dass die Ärzte in aller Regel erst dann aufmerksam werden, wenn das Wachstum eines Kindes unter die dritte Perzentile fällt. Die untere Grenze eines Normbereiches ist prinzipiell überall sehr wichtig. Zum Beispiel wird zurzeit darüber gestritten, wo der untere Grenzwert für das Ferritin und damit für den Eisenspiegel liegt. Von der Zuverlässigkeit des unteren Grenzwertes hängen das Wohlergehen der betroffenen Menschen, aber auch die Umsätze der Pharmaindustrie ab.

Manchmal ist auch der obere Grenzwert umstritten, wie beispielsweise bei der Sauberkeit der Luft. Vor einigen Jahren ging es um den oberen Grenzwert des Cholesterins. Damals wurde gezeigt, dass ein niedrigerer oberer Grenzwert wahrscheinlich zu einer höheren Lebenserwartung führt. Und das war dann nicht nur gut für die Patienten, sondern auch für die Hersteller von Cholesterin-Senkern.

Beim Wachstum ist also der untere Grenzwert, die dritte Perzentile am wichtigsten. Und damit sind wir beim Thema der Zuverlässigkeit der Wachstumskurven angekommen. Woher wissen wir dann, ob diese Wachstumskurven stimmen? Papier und Display sind geduldig, obwohl wir dazu neigen anzunehmen, dass alles Gedruckte und am Bildschirm Angezeigte wahr sei.

Seit den 1970 er Jahren bis ins Jahr 2011 wurden in der Schweiz (und auch in vielen anderen Ländern) die Wachstumskurven des genialen Zürcher Professors und langjährigen Chefarztes des Zürcher Kinderspitals Andrea Prader verwendet. Andrea Prader gehörte wie James Tanner in London zu den ganz grossen Erforschern des menschlichen Wachstums. In der von ihm gegründeten 1. Zürcher Longitudinalstudie wurde ausser Grösse und Gewicht noch viele andere Masse erhoben, wie zum Beispiel der Kopfumfang, Bein- und Armlänge, Armumfang und Hautfaltendicken, insgesamt 23 verschiedene Parameter – ein einzigartiges Werk.

Im Jahre 2011 empfahl die Schweizer Gesellschaft für Pädiatrie den Schweizer Kinderärzten, nicht mehr die bewährten Prader-Kurven zu benützen, sondern Kurven, welche aus WHO und US-Daten abgeleitet worden sind. Offensichtlich weil die Prader-Kurven für das Gewicht, nicht aber die Kurven der Körpergrösse und aller anderen Parameter, nicht mehr up to date waren und insbesondere von den Krankenkassen für die Vergütung von übergewichtigen Kindern nicht akzeptiert wurden. Die Überprüfung und Adaptation der Kurven von Prader erschien dieser Organisation zu viel Arbeit und zu teuer zu sein.

In der Zwischenzeit wurden diese WHO/US-Kurven in vielen internationalen wissenschaftlichen Journals und mehreren grossen wissenschaftlichen Arbeiten in Frage gestellt. Bemängelt wurde vor allem der Verlauf der 3. Perzentile. Diese unterste Normgrenze liegt bei den WHO/US-Kurven deutlich zu niedrig und weil die unterste Normgrenze normal von abnormal abgrenzt, werden mit einer zu niedrigen 3. Perzentile viele Kinder mit einer behandlungsbedürftigen Wachstumsstörung verpasst, beispielsweise rund ein Drittel aller Kinder mit einer Zöliakie, einem Turner Syndrom, einem Wachstumshormonmangel und mit einem gestörten Wachstum nach Mangelgeburt (SGA). Es wird weltweit dazu aufgerufen, lokale Wachstumskurven zu verwenden und nicht die WHO/US-Kurven.

Weil in der Schweiz niemand die Verantwortung und die Arbeit für neue Wachstumskurven auf sich nehmen wollte, haben nun wir vom PEZZ die Initiative ergriffen und sammeln zusammen mit rund 50 Schweizer Kinderärzten repräsentative Wachstumsdaten ergänzt durch Messungen von ganzen Schulen. Diese Erhebungen dürften im Verlaufe des Jahres 2018 beendet sein. Unser Ziel ist es, mit unseren repräsentativen neuen Daten, die Prader Kurven zu überprüfen und wenn nötig in einigen Altersgruppen anzupassen, so dass diese wiederum mit all den anderen von Prader erhobenen Parametern für viele weitere Jahre als Ganzes Verwendung finden können.