Störungen, die zu Kleinwuchs oder Grosswuchs führen

Ist ein Kind ein Spätentwicklerin oder ein Spätentwickler oder frühreif oder besteht tatsächlich eine ernsthafte Störung, die es zu behandeln gilt? Rechtzeitiges Erkennen kann für die künftige Entwicklung sehr wichtig sein und kann helfen Langzeitfolgen zu mildern.

Wir setzen uns kurz mit zwei Themenbereichen auseinander:


Welche Störungen und Krankheiten verlangsamen Wachstum und biologische Entwicklung?

Am häufigsten ist ein zu kleines Kind mit Verzögerung des Knochenalters einfach ein Spätentwickler oder eine Spätentwicklerin. Aber eben nicht ganz immer! Deshalb braucht es einen Arzt, der auch an viel seltenere Ursachen für die kleine Körpergrösse denkt und krankhafte Störungen des Wachstums mit Hilfe von Blutuntersuchungen sicher ausschliessen kann. Fast jede chronische Krankheit kann die Knochenreifung so verzögern und das Wachstum so bremsen, dass die betroffenen Kinder zu klein sind. Hauptsächlich Darmkrankheiten, dabei am wichtigsten ist die Zöliakie, und Nierenstörungen müssen vom Arzt erkannt oder ausgeschlossen werden. Andere schwere chronische Krankheiten wie beispielsweise Herzfehler werden in der Regel bereits früher diagnostiziert, bevor die zu kleine Körpergrösse auffällig wird.

Körpergrösse zu klein und Knochenreifung verzögert – für diese Konstellation können auch ganz unterschiedliche Hormonstörungen verantwortlich sein. Die Ursache kann im Zwischenhirn (im Hypothalamus) liegen, in der Hirnanhangsdrüse (Hypophyse) oder in anderen Drüsen, die Hormone ins Blut ausschütten. Beispielsweise lässt sich eine Unterfunktion der Schilddrüse recht einfach nachweisen oder ausschliessen. Schwieriger ist es, eine Überfunktion der Nebennieren (verantwortlich für das Cushing- Syndrom) oder einen Mangel an Wachstumshormon aufzudecken. Sogar für erfahrene Ärzte ist es alles andere als einfach herauszufinden, ob ein zu kleines Kind mit verzögerter Knochenreifung einen Wachstumshormonmangel aufweist. Es genügt nicht, einfach die Hormonmenge im Blut zu messen, sondern die Diagnose dieser Hormonstörung muss aus mehreren Puzzleteilen zusammengesetzt werden. Dazu gehören: Kleine Körpergrösse, verzögerte Knochenreifung, Abfall des Wachstums auf der Perzentilenkurve, niedriger Blutwert des Hormons IGF-I, weitere Hormontests und zusätzliche Untersuchungen. Solche umfassenden Abklärungen sind nur möglich mit Unterstützung eines Spezialisten für pädiatrische Endokrinologie, also eines Facharztes für Hormon- und Wachstumsstörungen bei Kindern.

Körpergrösse zu klein und Knochenreifung nicht verzögert – bei dieser Konstellation muss ein «Syndrom» gesucht oder ausgeschlossen werden. Bei Mädchen ist das Turner-Syndrom (benannt nach dem amerikanischen Arzt Henry Turner) am häufigsten für eine zu kleine Körpergrösse verantwortlich. Eines unter 2500 Mädchen weist diese Chromosomenstörung auf. Vor der Pubertät macht sich dieses gar nicht so seltene Syndrom manchmal einzig und allein durch die verringerte Körpergrösse bemerkbar. Um das Turner-Syndrom bei zu kleinen Mädchen nicht zu verpassen, muss der Arzt deshalb nicht selten eine teure Chromosomenuntersuchung im Blut veranlassen.


Welche Störungen und Erkrankungen machen Kinder zu gross?

Hormonstörungen (z.B. Überfunktion der Schilddrüse oder der Nebennierenrinden, sowie Störungen von Hoden und Eierstöcken) und Syndrome kommen als Ursachen von Grosswuchs mit einer beschleunigten Knochenreifung in Betracht.

Oft reagieren Eltern, die sich Sorgen um ihr zu grosses Kind machen, völlig erstaunt, wenn sie vom Arzt erfahren, dass zu befürchten ist, dass das grosswüchsige Kind als Erwachsener nicht etwa zu gross, sondern zu klein sein könnte. Wie passt denn das zusammen? Es gibt gewisse Hormonstörungen, die Kinder zu gross werden lassen, die Knochenreifung beschleunigen und den Beginn der Pubertätsentwicklung vorverlegen. Das grosswüchsige Kind hört dann sehr früh auf zu wachsen mit dem Resultat einer erheblich zu geringen Erwachsenengrösse. In einem solchen Fall werden die Gleichaltrigen länger wachsen als das zuvor grosse Kind und dieses letztlich im Wachstum noch deutlich übertreffen. Wenn die Wachstumsprognosen des Arztes deutlich über dem familiären Rahmen liegen, müssen Syndrome wie das Klinefelter-Syndrom oder das Marfan-Syndrom in Betracht gezogen werden.