Wie erben Kinder ihre Grösse?

Wie bei der Haarfarbe und bei anderen Aspekten der körperlichen Erscheinung spielt die Vererbung auch bei der Grösse eine wichtige Rolle. Weil die Vererbung den Rahmen für die Körpergrösse absteckt, kann aus der Elterngrösse die sogenannte «familiäre Zielgrösse» berechnet werden.

Dabei wir von einem Grössenunterschied von 13 cm zwischen erwachsenen Männern und erwachsenen Frauen ausgegangen. Es ist aber wichtig, hier zu betonen, dass man auch heute noch sehr wenig Ahnung hat, wie die Endgrösse und die Geschwindigkeit, mit welcher man diese erreicht, vererbt wird. Die Vererbung der Grösse scheint relativ komplex zu sein. Es ist klar, dass grosse Eltern in der Regel eher grosse Kinder und kleine Eltern in der Regel eher kleine Kinder haben. Trotzdem kommt es immer wieder vor, dass kleine Eltern eben grosse Kinder und grosse Eltern kleine Kinder haben. Daran allerdings, dass die Grösse in irgendeiner Form vererbt wird, gibt es keinen Zweifel. Schön wäre es, wenn man genau berechnen könnte, welche Grösse Eltern auf ihre Kinder vererbt haben. So gibt es verschiedene Modelle, welche versuchen, das genetische Grössenpotenzial, also die sog. «familiäre Zielgrösse» einer bestimmten Familie irgendwie zu berechnen. Alle diese Modelle haben ihre Vor-und Nachteile. Die einen sind einfach zum Ausrechnen, die anderen erleichtern das Verständnis und andere sind komplex und deshalb auch genauer, lassen sich aber nur mit dem Computer berechnen.

Wollen Sie mehr Hintergrundinformation zu den Berechnungsmethoden? Siehe hier.

Lesen Sie auch unsere Anmerkungen zur Zuverlässigkeit solcher Berechnungen.


Rechner familiäre Grösse

Hinweis: Es sind nur Ganzzahlen zwischen 90 und 280 erlaubt.
Hinweis: Es sind nur Ganzzahlen zwischen 90 und 280 erlaubt.
[cm]
[cm]

Einfache familiäre Zielgrösse

xxx.x
cm
x.x
SDS

Korrigierte familiäre Zielgrösse

xxx.x
cm
x.x
SDS

Geschlechtskorrigierte Grössen der Mutter

xxx.x
cm

Geschlechtskorrigierte Grössen des Vaters

xxx.x
cm

Zwei Methoden kurz erklärt

Das genetische Wachstumspotenzial, das ein Kind von seinen Eltern geerbt hat, lässt sich berechnen.

Methode A) Einfache Berechnung

Auf Basis des Geschlechts der Eltern lässt sich relativ einfach eine Zielgrösse bestimmen. Das ist gut zum Erklären und Verstehen.

Eine Differenz von 13 cm zwischen erwachsenen Männern und erwachsenen Frauen wurde in einer der ersten systematischen Wachstumsstudien von James M. Tanner in den 50 Jahren in London gefunden. Diese Differenz von 13 cm liegt deshalb heute immer noch der Berechnung des potentiell vom Kind geerbten sog. familiären Zielgrössenbereiches zugrunde. Man kann man vereinfachend sagen:
Ein Mädchen erbt:

  • von seinem Vater dessen Grösse minus 13 cm
  • von seiner Mutter deren Grösse

Ein Knabe erbt:

  • von seiner Mutter deren plus 13 cm
  • von seinem Vater dessen Grösse

Wenn das Kind ideal von beiden Eltern genau deren Grösse erben würde und diese Elterngrösse genau je die Hälfte zur Endgrösse des Kindes beitragen würden, dann würden die folgenden beiden Berechnungsformeln gelten:

Die Formel für Mädchen lautet:
Familiäre Zielgrösse = (Grösse des Vaters – 13 cm)/2 + Grösse Mutter/2

Die Formel für Knaben lautet:
Familiäre Zielgrösse = (Grösse der Mutter + 13 cm)/2 + Grösse Vater/2

Oder:  (Grösse Mutter + Grösse Vater)/2 + 6.5 cm für Knaben = Zielgrösse Tanner 
(Grösse Mutter + Grösse Vater)/2 - 6.5 cm für Mädchen = Zielgrösse Tanner 

Aber wie genau ist diese Formel? Am schlechtesten ist sie auf jeden Fall, wenn die Grössen der Eltern weit auseinanderliegen. Nehmen wir ein nicht so extremes Beispiel: Beide Eltern eines Mädchens sind 170 cm gross. Der Vater ist also im Vergleich zu anderen Männern eher klein, die Mutter für eine Frau eher gross. Die Mutter hat ihrer Tochter die volle Grösse von 170 cm in den Genen zur Verfügung gestellt. Der ebenfalls 170 cm messende Vater stellte der Tochter bei der Vererbung seine virtuelle Frauengrösse von 157 cm zur Verfügung, denn wenn er eine Frau wäre, würde er 13 cm weniger messen. Bei der Tochter gibt es einfach ausgedrückt drei Möglichkeiten beim Grössenwachstum: Entweder schlägt sie eher dem Vater oder eher der Mutter nach oder sie wird zu einer Mischung beider Eltern.
- Die geschlechtskorrigierte Grösse der Mutter,
also in diesem Beispiel 170cm, weil es ein Mädchen ist. Sie könnte der Mutter nachschlagen und deren Grösse geerbt haben.
- Die geschlechtskorrigierte Grösse des Vaters,
also in diesem Beispiel 170-13=157cm, weil es ein Mädchen ist. Sie könnte dem Vater nachschlagen und dessen Grösse geerbt haben.
- Die geschlechtskorrigierten Grössen beider Eltern geteilt durch zwei,
also in diesem Beispiel (157cm + 170cm)/2 = 163.5cm, sie könnte ja auch eine optimale Kombination beider Eltern geerbt haben.
Deshalb ist es sinnvoll, drei verschiedene Zielgrössen auf der Wachstumskurve einzutragen. So sieht man auf einen Blick, ob das Kind ungefähr in die Zielgrösse der Eltern hineinwachsen wird.

Der Vollständigkeit halber die Situation eines Sohnes, dessen Vater und Mutter je 170 cm gross sind…
- Die geschlechtskorrigierte Grösse der Mutter,
also in diesem Beispiel 170+13cm=183, weil es ein Knabe ist. Er könnte der Mutter nachschlagen und deren Grösse geerbt haben.
- Die geschlechtskorrigierte Grösse des Vaters,
also in diesem Beispiel 170, weil es ein Knabe ist. Er könnte dem Vater nachschlagen und dessen Grösse geerbt haben.
- Die geschlechtskorrigierten Grössen beider Eltern geteilt durch zwei,
also in diesem Beispiel (183cm + 170cm)/2 = 178.5cm, er könnte ja auch eine optimale Kombination beider Eltern geerbt haben.


Methode B) Exaktere Berechnung

Mit der Methode von Cole-Hermanussen lässt sich eine genauere Zielgrösse bestimmen. Diese ist näher bei der Realität, kompliziert zum Rechnen.

cTHSDS = (Vatergrösse in SDS + Muttergrösse in SDS)/2 * 0.72


Die obenstehenden Modelle, um das ererbte Potential an Endgrösse einigermassen erfassen zu können, sind instruktiv zum Verstehen und einfach zum Berechnen, aber sie geben vor allem bei extremen Werten, also bei sehr grossen oder sehr kleinen Eltern, ein zu extremes Bild. Es hat sich nämlich gezeigt, dass viele biologische Prozesse Richtung Mitte tendieren, und das gilt für das Wachstum auch. Im Durchschnitt sind die Nachkommen von sehr grossen Eltern weniger gross als man auf Grund der obigen Berechnungsmodelle denken würde. Das Gleiche gilt für Nachkommen sehr kleiner Eltern. Diese sind im Durchschnitt weniger klein als man erwarten würde. Dies ist in der Formel von Cole-Hermanussen berücksichtigt. Sie kann allerdings nur mit dem Rechner berechnet werden. Auf unseren Auswertungen sind die Resultate aller diese Berechnungsmethoden aufgeführt – unsere Patienten wissen das zu schätzen.

Wie die Vererbung der Körpergrösse wirklich genau abläuft, ist weitgehend unbekannt. Berechnungen ergaben, dass an mindestens vier verschiedenen Stellen des Erbguts Informationen für die Endgrösse lokalisiert sein müssen.


Wie zuverlässig sind die sogenannten Wachstumsprognosen?

Wenn man  mit einem Handröntgenbild das biologische Alter bestimmt hat, dann kann man den weiteren Verlauf von Wachstum und biologischer Entwicklung einigermassen voraussagen. Man weiss dann, wann die Pubertätsentwicklung und der Pubertätswachstumsspurt ungefähr einsetzen werden, wie lange das Wachstum andauern wird, und man kann auch Voraussagen über die zu erwartende Erwachsengrösse machen. Es gibt für solche Berechnungen verschiedene Methoden.

Ihre Genauigkeit hängt davon ab, ob das weitere Wachstum einigermassen durchschnittlich weitergeht wie in etwa 80-90 % der Fälle. Nicht-durchschnittlich verläuft das Wachstum zum Beispiel, wenn die Körperproportionen sehr auffällig sind, wie zum Beispiel bei sehr kurzen Beinen oder wenn das betreffende Kind als SGA, also als ‘small for gestational age’ oder einfach ausgedrückt deutlich zu klein oder zu leicht auf die Welt gekommen ist.

Ein grosser Prozentsatz der SGA-Kinder wächst nicht ganz so wie die meisten anderen Kinder. Oft machen diese mit 8-10 Jahren einen kleinen Wachstumsspurt. Leider bringt in solchen Fällen der Pubertätswachstumsspurt dann weniger zusätzliche Grösse als bei den meisten anderen Kindern. Dies führt dann dazu, dass die Erwachsengrösse kleiner ist als ursprünglich berechnet. Dass dies so ist, wissen wir erst seit einigen Jahren, nachdem wir die Fälle von Kindern genauer analysiert haben, welche nicht die von uns vorausberechnete Grösse erreicht haben.

Bisher haben wir hier also von biologisch speziellen Verläufen gesprochen. Es gibt noch eine andere, viel häufigere Fehlerquelle. Alle Methoden, Wachstumsprognosen zu berechnen, hängen ganz zentral von der Genauigkeit der Knochenalterbestimmung ab. Die Bestimmung des Knochenalters ist keine einfache Sache. Es geht darum, die Reife von 13 oder 20 Handknochen zu analysieren. Es geht also nicht um die messbare Grösse oder Länge der Handknochen, sondern um die Beurteilung ihrer dreidimensionalen Form, welche verschiedenen Reifestadien zugeordnet werden muss. Je erfahrener Derjenige ist, der das Handröntgenbild beurteilt, desto genauer sind die Wachstumsprognosen - und zwar unabhängig von der verwendeten Methode. Im Knochenalter-Lesen Erfahrene nutzen meist auch mehrere Methoden gleichzeitig, weil sie aus den Unterschieden der einzelnen Methoden wiederum Schlüsse auf die Zuverlässigkeit in einem konkreten Fall ziehen können. Die grösste Erfahrung  im Knochenalter- Lesenfindet man in der Regel bei den Fachärzten für pädiatrische Endokrinologie, den Fachleuten für Wachstum und Hormonstörungen.

Ganz allgemein kann man auch sagen, dass je normaler ein Kind wächst, desto genauer sind die Wachstumsprognosen. Aber am häufigsten interessiert die zukünftige Erwachsenengrösse ja nicht bei durchschnittlichem Wachstum, sondern bei Kindern mit auffälligem Wachstum. Wachstumsprognosen sind eine Art ’Abfallprodukt’ der Knochenalter-Bestimmung. Wir brauchen ja das Knochenalter hauptsächlich dafür um herauszufinden, ob ein Kind eine Krankheit, eine Wachstumsstörung hat und wenn ja, um was für eine es sich handeln könnte.